Fernbeziehungen
Zu Risiken und Nebenwirkungen Fragen Sie Ihren Arzt oder Florian Klampfer
Sich fern sein und doch so nahe. Einer hier in Berlin, der andere in Osnabrück, Jena oder Passau. Manche Paare leben von Anfang an in verschiedenen Städten, weil sie sich im Urlaub kennen gelernt und ineinander verliebt haben. Bei anderen kommt es zu einer Trennung auf Zeit, weil sich ihre Lebensumstände ändern, zum Beispiel weil einer eine neue Arbeitsstelle in einer anderen Stadt antritt. Gerald Backhaus sprach für CAPITAL-HEALTH Magazine mit Petra und Lars*, einem Paar, das mit seiner Fernbeziehung nicht mehr klarkam und deshalb einen Spezialisten für Fernbeziehungen, den Berliner Paartherapeuten Florian Klampfer, aufgesucht hat. *Namen geändert
Da sitzen sie nun in der hellen, wohnlich eingerichteten Praxis von Florian Klampfer, und nichts ist für sie mehr so, wie es war: die blonde Petra (36) und der dunkelhaarige Lars (38), sie ist Sozialpädagogin, er Manager im Gesundheitswesen. Seit acht Jahren sind die beiden Hessen ein Paar. Sie haben in Frankfurt fünf Jahre zusammengelebt und besitzen dort ein gemeinsames Haus.
Vor drei Jahren ging Lars nach Berlin. Der Grund: ein besserer Job, ein Karrieresprung. Aus der täglichen Beziehung wurde eine Wochenendbeziehung. Für Lars wird das zum Problem. Er konsultiert Florian Klampfer. Er sei durch seinen stressigen Job „völlig ausgepowert und am Wochenende zu nichts mehr fähig.“ Er hat Affären während seiner Wochen in Berlin und dabei ein schlechtes Gewissen. Sein Interesse an Petra – auch sexuell – sei „erlahmt“ und gleichzeitig fühle er sich in Berlin „tierisch einsam“. Er strebt eine „offene Beziehung“ an. Petra solle ihm seine Affären „erlauben“, er würde das umgekehrt auch tun. Er kann sich nicht von ihr lösen, will aber auch nicht so weitermachen.
Petra spürt, dass Lars innerlich weit weg ist. Und sie möchte gern ein Kind, ihre „biologische Uhr tickt“, doch er vertröstet sie immer wieder. Lars hat Petra seine Affären gestanden. Sie reagierte nicht schockiert, wie er dachte, sondern eher gelassen. Gemeinsam versuchen sie, ihre Beziehung aufzuarbeiten. Dabei geht es ans Eingemachte mit Fragen wie: Was hat uns angezogen, was faszinierte uns aneinander, was hat sich verändert, von welchen Wünschen müssen wir Abschied nehmen? Reicht das, was wir uns noch geben können, aus, um weiter zusammenzubleiben? Was Petra an Lars immer faszinierte, weiß sie sofort: Er ist ein karrierebewusster Macher. Er mochte an ihr, dass sie so bodenständig und häuslich ist. Beide finden, dass sie eine gemeinsame Wellenlänge haben und oft über das Gleiche lachen können. Doch die ursprünglich anziehenden Dinge haben sie plötzlich aneinander gestört, sie sich beispielsweise an seinem Machertum, und er findet sie mittlerweile „zu langweilig“. Beide sehen nur, was ihnen fehlt, was sie am anderen stört. Florian Klampfer gibt beiden eine „Hausaufgabe“: Sie sollen überlegen, was sie am anderen toll finden und das jeden Tag notieren, sich aber nichts davon erzählen. In der nächsten Sitzung lesen sie das einander vor. Lars schätzt an Petra, dass sie die Wochenenden gut vorbereitet, wenn er kommt. Ihr fällt schwerer, Gutes an ihm zu finden. Sie hat oft das Gefühl „er ist gar nicht richtig da.“ Seine Angst, sie zu verlieren, ist viel größer als umgekehrt ihre. „Wenn heute Trennung wäre“, fragt der Therapeut, „was würden Sie am meisten vermissen?“ Sie weint und sagt: „Das hab ich mich auch schon gefragt.“ Er sagt „Sicherheit“, worauf sie antwortet: „Das ist für mich keine Basis, das reicht mir nicht.“
Der Therapeut fragt, ob die beiden an einem guten Abschied arbeiten wollen oder ob sie es noch einmal miteinander versuchen wollen. Petra antwortet, dass sie einen guten Abschied will, während Lars es noch einmal probieren möchte. Florian Klampfer schlägt ein Experiment vor. Das Paar soll beides ausprobieren: Vier Wochen lang sollen sie sich intensiv um einander bemühen. Danach sollen sie vier Wochen lang „Trennung leben“, zum Beispiel getrennte Schlafzimmer innerhalb des gemeinsamen Hauses einrichten.
Das Ergebnis dieses Experiments: Die beiden haben die vier Wochen Trennung vorzeitig abgebrochen und eine Entscheidung gefällt. Beide wollen weiter an ihrer Beziehung arbeiten. Auch Petra ist deutlich geworden, dass es vieles gibt, was sie an Lars schätzt, was auch daran liegt, dass er sich in den letzten Wochen verstärkt um sie bemüht hat. Beide finden ein passendes Bild für die letzten Jahre ihrer (Fern-) Beziehung: „Wir haben uns gegenseitig am ausgestreckten Arm verhungern lassen.“
Bis zum nächsten Termin bei Florian Klampfer haben die beiden wieder eine „Hausaufgabe“ bekommen: Sie sollen sich an den Wochenenden für einander Zeit – nehmen, ohne zu viele Aktionen. Ihre Wiedersehen wollen sie künftig mit einem einfachen Ritual zu beginnen: Lars und Petra werden einander in die Augen sehen und einander fragen: „Sag mal, wie geht es dir eigentlich?“